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Krakau – über Jahrhunderte Polens Hauptstadt und auch heute noch die heimliche Kapitale: eine von der Geschichte geprägte und zugleich ungeheuer junge Stadt, mit 750 000 Einwohnern und 150 000 Studenten. Eine Woche lang waren wir dort, meine Frau und ich, überrascht und begeistert vom bunten, sprühenden Leben, das auf den Straßen zu sehen war.

Vor siebzig Jahren sah das anders aus. Es war Krieg. Polen war von Deutschland besetzt. Kunstschätze des Wawel, des Königsschlosses, wurden zerstört, der Stolz der Krakauer Bürger, der wunderbare Altar von Veit Stoß, wurde abgebaut und nach Nürnberg gebracht, die Juden wurden in ein Ghetto gesperrt.

Und bald roch es auch anders. Denn ca. 50 km westlich von Krakau wurde 1941 neben dem bereits vorher eingerichteten Arbeitslager Auschwitz ein weiteres Lager errichtet: das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Bei Westwind waren die Rauchschwaden noch in Krakau wahrzunehmen, die aus den Schornsteinen der vier Krematorien Tag für Tag aufstiegen: 4000 menschliche Körper konnten hier täglich verbrannt werden. Insgesamt 1,1 Millionen von Menschen wurden hier entweder direkt ermordet, oder sie starben nach einer kurzen Phase des Arbeitseinsatzes, durch Unterernährung, Misshandlungen oder bei medizinischen "Versuchen".

Wir waren dort – wenige Stunden nur. Aber die Eindrücke bleiben, und die Bilder werde ich nie vergessen, auch wenn ich kaum Fotos machen mochte. Da ist – vielleicht das bekannteste Bild – der Gleisanschluss mit der Rampe. Kaum angekommen, wurden die Häftlinge von einem „Arzt“ nach dem Augenschein begutachtet: die Mehrzahl musste direkt den Weg in die Gaskammern gehen und erlebte nicht mehr das Ende des ersten Tages im Lager, andere wurden als „arbeitsfähig“ eingeschätzt und starben dann wenige Tage oder Wochen später. In den Gebäuden des Stammlagers sind die – wie soll man sagen? – die Hinterlassenschaften der Ermordeten gesammelt: Da liegen die riesigen Berge von Schuhen: gut deutsch-ordentlich getrennt nach Kinderschuhen und Erwachsenenschuhen. Dort unglaublich hoch aufgehäuft die Haare, die man den ermordeten Häftlingen abgeschnitten hatte und die vor der Aufgabe des Lagers nicht mehr zu Teppichen verarbeitet werden konnten. Nicht zuletzt die gesammelten Gehhilfen, Krücken und Prothesen – von den unzähligen Juden, die im ersten Weltkrieg als deutsche Soldaten beim Kampf für ihr Vaterland Arme und Beine verloren hatten. Da sind die Strafzellen für solche Häftlinge, die sich – im Lager und im Sinne der Lagerordnung - etwas hatten zu Schulden kommen lassen: 1 m² groß, mit einem Loch unten, durch das sie hineinkriechen mussten, mit einem etwa 10 · 10 cm großen Luftloch oben: Vier Personen wurde hier hineingezwungen, um aneinander gequetscht die Nacht zu verbringen: Wenn sie es überlebten, durften sie am nächsten Tag arbeiten und die darauf folgende Nacht wieder „durch-stehen“ – eine Woche lang, zwei Wochen lang – oder sie erstickten vorher. Was für sie in dieser Situation besser oder schlimmer war, mag ich nicht beurteilen.

Etwa vier Stunden waren wir in den beiden Lagern Auschwitz-Lagern. Am Ende wusste ich nicht, was mich mehr betroffen machte, mir mehr die Sprache, ja fast sogar die Gefühle geraubt hatte: das unendliche Leid der Frauen, der Männer, der Kinder, die hier ihr Leben lassen mussten, unmittelbar oder nach einer kurzen Arbeitsphase ermordet worden sind, mehr Menschen, als heute in Köln leben! – oder das Rätsel, wie Menschen fähig sein konnten, in Auschwitz und dazu noch in dieser Weise tätig zu sein. Wie lebten und wie fühlten sich die Kommandanten und die – ich kann das Wort hier nur mit Anführungszeichen schreiben – „Ärzte“, die in der Nähe wohnten und die Abende im Kreis ihrer Familie verbrachten? Was ging in den SS-Leuten vor? Wie konnte es sein, dass sie auf Befehl alles taten, was von ihnen erwartet wurde? Was dachten, was fühlten die Lokführer, die täglich die mit Menschen beladenen Viehwagen nach Auschwitz brachten und stets mit leeren Waggons zurückkehrten? Sind es nur einige wenige im Kern rohe Menschen, die das tun können? Oder könnten es – bei entsprechenden Umständen – viele – fast - alle? Welche inneren Mechanismen haben sie entwickelt, um nicht nur in einem riesigen Menschen-Schlachthof zu arbeiten, sondern dazu auch noch gezielt Grausamkeiten an ihren Opfern zu vollziehen? Ist es Vergangenheit, die nie mehr geschehen wird? Oder bleibt der Mensch ein Wesen, das stets in der Gefahr steht, zum - nein, nicht zum Tier, sondern zum Satan zu werden?

Wir waren eine kleine Gruppe Deutscher; ein polnischer Lehrer führte uns durch die Lager. Er war Historiker und sprach sehr gut deutsch: unsere Sprache, die Sprache aber auch der SS-Leute. Er führte uns auf die vielleicht einzig mögliche Weise: sachlich, beschreibend, ohne Gefühlsbetonung, aber auch ohne alle Schuldzuweisungen. Es war der 1. September 2011. Vor 72 Jahren wurde „zurückgeschossen“, wie Hitler es erklärte.

Am Abend fuhren wir nach Krakau zurück. Es tat gut, wieder ins Leben einzutauchen, gern gesehene Besucher zu sein. Doch die Bilder blieben. Nicht nur in der Nacht danach. | Josef Pietron

Mehr: Website der Lager Auschwitz: http://www.auschwitz.org.pl/
Wikipedia-Artikel Auschwitz-Birkenau: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Auschwitz-Birkenau
Bilder: http://www.scrapbookpages.com/AuschwitzScrapbook/Tour/Birkenau/index.html

Frühere Beiträge der Reihe "Auf ein Wort" finden Sie hier.


Auf ein Wort

 

Vier Stunden in Auschwitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 























































































































 








 

 

 

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